Vorbereitungen

 

Bevor ich mich aufs grosse Abenteuer einer Weltreise stürzen wollte, empfand ich als nötig zu testen, ob ich die Bedingungen ertragen würde, die damit verbunden sind. Fahrrad fahren ist eine Sache, aber wochenlang unterwegs sein ohne die Möglichkeit zu duschen oder ein Dach auf dem Kopf zu haben, ist eine andere Sache. Ich organisierte also eine „Testreise“ auf der Strecke zwischen dem Bodensee und Dresden via München und Prag.

 

Die Vorbereitungen waren eine spannende, aber auch aufwendige Zeit. Ich verbrachte Stunden, um eine ausgereifte Materialliste herzustellen. Dafür halfen mir einige Bücher, aber auch Websites von erfahrenen Tourenfahrern.

 

Um mein Budget etwa einzuhalten, fragte ich bei manchen Läden und Herstellern, ob eine Art Sponsoring in Form von Rabatten oder Materialschenkungen möglich wären. Veloplus half mir freundlicherweise auf den zwei Stufen: Ich bekam einen Wasserfilter, einen Schloss und einen Handtuch gratis. Dazu konnte ich an einem ausgewählten Tag mit 15% Reduktion auf allen Artikeln einkaufen – eine wunderschöne Gelegenheit, meinen Schrank zu füllen! Ich bin dem Laden wegen der tollen Beratung ebenfalls sehr dankbar. Der Austausch  mit den Verkäufern brachte mir neue Ideen und optimierte meine Vision der Reise. Dem Laden Follow Me in Lörrach bin ich ebenfalls dankbar. Da ich mein Fahrrad dort bestellte, wurde mir einen Rabatt von 10% auf allen Artikel gewährt.

 

Nun ja, das Material hatte ich bereit, ich war vor allem wegen dem Zelten etwas verunsichert. Meine letzte Übernachtung unter einem Zelt war mit 16: Mit meinem besten Kumpel JP hatten wir eine kleine Tour von etwa 30 km geplant (damals für uns die Welt), um eine Kollegin zu besuchen. Dabei hatte es tagsüber kurz geregnet, was meinen Schlafsack nass machte... Natürlich hatte es keine Zeit zum Trocknen, natürlich wurde die Nacht kalt, sehr kalt. In meiner Erinnerung bleibt es immer noch die schlimmste Nacht meines Lebens: Ich habe mich noch nie so sehr zu Tode gefroren.

Etwas unruhig verbrachte ich die ersten Nächte der Dresdner Reise in meinem Zelt, aber das Material war so unglaublich toll, dass ich weder gefroren noch nass geworden bin!

 

Von der Wichtigkeit der Reiseplanung

 

Während der Reise ist mir noch einmal klar geworden, wie die Planung wichtig sein kann. Grundsätzlich hatte ich das Meiste schon angeschaut und wusste, wodurch ich fahren sollte. Da ich parallel meine Masterarbeit schreiben muss, hatte ich wohl aber zu wenig Zeit dafür investiert.

Gerade beim ersten Tagen tauchten aber ein paar Schwierigkeiten:

1. Höhenprofile: Die zwei ersten Tage waren ziemlich anstrengend. Das Gebiet von Allgäu habe ich etwas unterschätzt. Oberhalb von Bregenz befindet sich einen Pass, der mir etwas Schweiss gekostet hat.

2. Länge der Strecken: 150 km pro Tag sind mit der Menge Gepäck doch etwas unrealistisch! In der Regel bin ich eher 70 bis 100 km gefahren (Maximum 130!).

 

Reise

 

Tag 1: Zwischen Spannung, Stress und Ignoranz

 

Etwas müde stieg ich im Zug in Basel ein. Die Vorbereitungen hatte ich wegen meiner laufenden Masterarbeit nach hinten gerückt und musste deswegen bis 3 Uhr morgens packen! Das Aufstehen um 7 Uhr fiel mir also schwer. Nicht destotrotz machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof.

 

Wieder ein Fehler der Vorbereitung: Das war mein erstes Mal, wo ich mit vollem Gepäck fuhr! Die ersten paar Meter waren etwas unsicher, ich fuhr in Zickzack. Schnell gewöhnte ich mich aber daran. Meine Angst, dass das Gepäck doch zu schwer war und die Schläuche zum Platzen bringen würde, hat sich zum Glück nicht realisiert: ich erlitt während der ganzen Reise kein einzigen Platten!

 

Im Zug traf ich Sabine – eine Kunsthistorikerin, die ich von der Uni kenne. Diese kam eigentlich aus Dresden und gab mir ein paar Tipps für Sachen, die man besichtigen sollte. Gut für mich: Sie schwärmte von der Elbenroute, also gerade von der Route, die ich befahren wollte.

 

Angekommen in St. Margrethen kaufte ich mir zum Mittagessen (die letzte Migros vor dem Ausland!) und füllte mein Portemonnaie mit Geld (Euros und ein paar Schweizer Franken). Und los ging's! Die ersten Momente liefen problemlos. Ich wusste, dass man in Bregenz römische Bauten besichtigen konnte. Leider fehlte mir die Zeit dazu – ich fuhr lieber weiter, mit dem Gedanke, dass ich sicher wieder mal dahin käme.

Ein erstes Problem entstand nach Bregenz, wo ich mich verlief. Ich folgte der Hauptroute und kam nach Kennelbach. Eigentlich wollte ich aber auf den Pass und musste deswegen wieder zurückfahren. Diese Irrungen und Abklärungen liessen mir etwa 30 Minuten verlieren. Nun ja, das Befahren des Passes lohnte sich: Die Aussicht da oben war wirklich wunderschön! Der Himmel war strahlend blau, liess einen Teil des Bodensees mit dem Bergkamm am Horizont bewundern (Foto).

 

So begann die Fahrt durch das grüne, hügelige Gelände des Allgäus (Foto). Eigentlich fühlte ich mich daheim im waadtländlichen-freiburger Mittelland. Schön war es, allerdings bremsten mich die Steigungen. Ich kam am Ende des Nachmittags endlich nach Kempten an, auch bekannt als Cambodunum. Nun ja, der Archäologe in mir schwärmte und wollte die römische Stadt besichtigen. Der Rationalist aber erwürgte den Archäologen und fuhr weiter, um nach einem Schlafplatz zu finden. Als die Sonne unterging, stellte ich das Zelt auf einem leicht hügeligen Feld (Foto). Da fingen die Paranoia an: Immer zwischen der Zeit, wo ich kochen musste und einschlief, kamen mir alle Horrorfilme wieder hoch, die ich je gesehen hatte. Insbesondere Filme mit Psychopathen wie Hostels (wo Jugendliche entführt werden, um gefoltert zu werden) und Saw prägten mich... Zum Glück verschwanden diese Ängste, sobald ich einschlief, so dass ich immer ganz erholsame Nächte verbachte.

 

 

Tag 2: Von Seen und von Münchner Cocktails

 

Auch wenn ich es mir leichter vorgestellt hatte, war ich eigentlich auf die Leistung ganz stolz. Die Strecke St. Margrethen-München beträgt 220 km, dafür waren noch etwa 1600 m Höhenunterschied zu überwältigen, die ich nicht unbedingt geplant hatte. Zwei Tage dafür sind keine Leistung, aber dafür, dass ich etwa 30 kg Gepäck hatte, konnte ich mich damit zufriedenstellen. Die Strecke war weiterhin ganz schön. Insbesondere genoss ich die Landschaft beim Ammersee: ein grosser See in einer hügeliger Landschaft.

 

Wichtig war vor allem, dass ich abends in München eintraf. So war mit zwei Kolleginnen abgemacht, die ich länger nicht mehr gesehen hatte. Ich lernte sie in Ägypten kennen, wo ich an Grabungen der Universität Basel teilnahm. Sie selber waren auf der Grabung eines deutschen Teams in einem koptischen Kloster (=Frühchristen in Ägypten). Zuerst traf ich ganz stinckig ins ägyptologische Seminar, zum Glück konnte ich gleich bei der ersten Kollegin duschen. Wir assen und tranken dann Cocktails in einem lokalen Restaurant.

 

 

Tag 3: Von Münchner Schätzen und erschrockenen Rehen

 

München scheint, eine unglaubliche Stadt zu sein. Leider fehlte mir die Zeit, um sie ausführlicher zu erkunden. Nur am Morgen liess ich mir Zeit, um durch die Stadt mit dem Rad zu fahren. Ich fuhr vor der Glyptothek, dem Bahnhof, auf dem Marktplatz... Danach ging's weiter Richtung Norden. Da die Zeit schon fortgeschritten war (gegen 14 Uhr verliess ich endlich München), kam ich erst bis nach Nadlstadt. Nahe einem Wald auf einem verlassenen Hügel platzierte ich meinen Zelt. Bevor ich mich installierte, lief ich dreimal um das Feld herum. Plötzlich hörte ich einen riesen Lärm, etwa bewegte sich das Gras in der Mitte des Feldes. Ich stand terrorisiert und konnte mich nicht mehr bewegen: Vor mir, etwa 5 m entfernt, stand ein 1.50 m hohes Reh! Dieser rannte möglichst schnell Richtung Wald. So viel war ich an ihm vorbeigelaufen und hatte ihn gar nicht gesehen! Etwa 20 cm Gras hatten gereicht, um ihn zu verstecken... gut, dass ich nicht in Afrika unterwegs bin! Der erste Löwe würde mich sorgenlos fressen können. Nach diesem Schrecken wärmte ich die Kürbissuppe wieder auf, die ich von Basel hatte, und sank schnell in einen tiefen Schlaf ein.

 

 

Tag 4: von Verzweiflung und von Pizzas an der Donau

 

Der vierte Tag war etwas anstrengend. Ich war am letzten Tag gar nicht so weit gekommen, wie ich es mir gewünscht hatte: Ich hätte schon bei Regensburg übernachten wollen, war aber noch 75 km davon entfernt! Ich nahm mir also vor, die Distanz nachzuholen. Alles wäre gegangen, wenn nicht ein zusätzliches Problem aufgetaucht wäre. Ich wollte den Sattel weiter nach oben stellen, um besser zu treten. So verstand es die Schraube aber nicht, und brach. Ich hatte (natürlich) keine Ersatzschraube und musste dann bis nach Prag (!) mit dem Sattel ganz unten weiterfahren. Ich suchte vergeblich nach Garagen: Ich befand mich sowieso  immer auf dem Land und es war gerade Sonntag. Also fuhr ich trostlos weiter...

 

Erst am späten Nachmittag traf nach Regensburg ein. Dort genoss ich einen guten, schweren Calzone. Das gute Essen brauchte ich – ich war gerade ziemlich kaputt. Die vorigen Tage war ich auch schon mit voller Kraft gefahren. Ich liess mir auch etwas Zeit, um die Stadt zu besichtigen. Regensburg empfand ich als besonders schönes Städtchen. So alte, hohe Gebäude waren recht eindrücklich. Insbesondere die Kathedrale ragt hervor (Foto).

 

Ich schaffte es trotzdem noch, bis nach Roding zu kommen und erledigte mit 125 km die längste Strecke meiner Reise. An einem Waldrand baute ich wieder mein Zelt auf (Foto). Wieder tauchte die Paranoia auf, bis ich einschlief. In der Nacht wurde ich diesmal geweckt: ein Fuchs bellte nahe am Zelt, allerdings reichte einen Ruf, um ihn in die Flucht zu schicken.

 

 

Tag 5

 

Der Morgen brachte mit sich eine nötige Zwischenbilanz: Ich war viel zu langsam, um die gesamte Strecke innerhalb einer Woche zu überwältigen, wie geplant war. Ich entschloss mich also, bis nach Cham zu fahren und den Zug nach Prag zu nehmen (etwa 190 km).

 

Cham ist ein echter Geheimtipp: Die kleine Stadt liegt herzig an der Regen. Ihre Architektur ist ganz gepflegt und scheint vom Krieg erspart worden zu sein (oder original wieder aufgebaut?). Besonders die barocke Kirche ist einer Besichtigung Wert (Foto).

 

Auch wenn ich Pilzen gerne hätte besichtigen wollen, bedauerte ich die Zugfahrt nicht: Die Landschaft sah wirklich trostlos aus (dunkle Wälder, Industrie-Städte). Neben mich setzte sich eine hübsche Tschechin. Zuerst war ich sehr vorsichtig: Ich sass extra bei der Zugstür, um bei meinem Fahrrad zu sitzen. Es waren sicher reguläre Plätze frei, wieso musste sie extra zu mir kommen? Nicht destotrotz führten wie eine interessante Diskussion und verglichen unsere respektive Länder. Als wir nach Prag ankamen, stand sie auf und ging ihr Gepäck holen. Sie kam verzweifelt zurück und vermutete, dass ihr Gepäck geklaut worden sei... Muss es mich erstaunen – sagte ich mir – jetzt kommt es, sie wird mich um Geld bitten...

Allerdings tat sie das nicht – ich schämte mich, so zynisch und übervorsichtig zu sein. Zu meiner Verteidigung: Von Tricks, wo man abgelenkt wird, während ein Mittäter Sachen klaut, oder vom Ausnutzen des Mitleids, hatte ich schon gehört und teilweise erlebt. Hier schien die Frau aber ganz ehrlich zu sein – wir tauschten die E-Mail-Adressen und verabschiedeten uns.

 

Prag war überwältigend: Was für eine wunderschöne Stadt! Plötzlich stand ich da, vor dem Bahnhof. Es erstreckte sich eine riesen Stadt voller Kulturgüter. Leider erforderte mein Plan wieder, dass ich mir nur eine „Blitzbesichtigung“ erlaubte. Ich fuhr also mit dem Rad durch die Stadt und knipste ein paar Fotos von Orten, die mir besonders gefielen. Ich versprach mir, wieder zu kommen. Es wurde langsam dünkler, ich musste mich beeilen, einen Schlafplatz zu finden. Ich hatte nämlich keine Lust, in einer Prager Vorstadt unter einer Brücke übernachten zu müssen. Ich fuhr also möglichst schnell Richtung „Grünes“. Auf der Strecke machte ich nur eine Halt, um etwas Essbares in einem Laden zu finden. Kurz danach entschloss ich mich, im nächsten Wäldchen Rast zu machen und schlug das Zelt auf.

 

 

Tag 6

 

Nach dem Ärger NR.1 (Sattelschraube kaputt), verlor ich meinen Tacho irgendwo auf der Wiese. Da es in der Nacht ziemlich heftig geregnet hatte, lag er vermutlich irgendwo im Schlamm. Ich konnte also die Distanzen nicht mehr messen und fuhr weiter.

 

Der Tag erwies sich, wenn ich es mit Abstand betrachte, am exotischsten. Ich erlebte Tschechien zum ersten Mal richtig. Einen Mittagshalt machte ich in einem Bikers Restaurant. Tschechischer Goulasch und Bier sind echt lecker! Die Landschaft wechselte stark ab: Bei Prag sind es eher langgestreckte Hügel, während die Elbe von Litomerice bis nach Dresden einen tiefen Canyon gegraben hat. Insbesondere beeindruckte mich einen Hügel kurz vor Roudnice, den Berg Rip. Er hatte von der Ferne gesehen etwas „Heiliges“. Alleine stand er, riesig, im flachen Gelände. Ich erfuhr, sobald ich in der Schweiz zurück war, dass er ein alter Vulkan sei. Der Legende nach soll der Gründer der Tschechischen Nation, Tschech, sich hier angesiedelt haben.

 

Die Fahrt führte über Usti nad Labem und Decin, zwei eindrücklichen Städten, die an der Elbe liegen. Insbesondere die Burg bei Usti fand ich eindrücklich: Sie liegt auf einem Felsensporn, die Strasse führt an ihrem Fuss vorbei (Foto).

 

Für die letzte Nacht vor Dresden gönnte ich mir eine Übernachtung in einem Hotel. Ich konnte somit mein noch nasses Zelt auslegen und meine Sachen gründlich reinigen.

 

 

Tag 7

 

Der letzte Tag war ganz stark regnerisch. Hier war ich extrem froh, Geld in eine Goretex-Jacke investiert zu haben. Nass wurde ich nur vom Schweiss im inneren der Jacke.


Ich fuhr ausschliesslich entlang der Elbe. Die sächsische Schweiz war, mit ihren Bergen aus Kalkstein, besonders eindrucksvoll. Einen Mittagshalt machte ich in Königsstein, wo eine Burg auf einem hohen Berg das Tal überwacht. Gegen späten Nachmittag kam ich endlich nach Dresden. Im Kopf hatte ich die schrecklichen Zerstörungsbilder vom zweiten Weltkrieg, wo nur noch Trümmer am Boden lagen. Wie die heutige Stadt heute aussieht, empfand ich aber als besonders schön. Man kann bis ins Zentrum fahren, und dabei immer an der Elbe im Grünen bleiben. Die alten Gebäude wurden modellgetreu wieder aufgebaut, so dass noch viele kulturelle Resten zu sehen sind. Das Quartier nördlich des Bahnhofs fand ich wegen seinen hohen Gebäuden und grossen Plätzen sehr eindrücklich.

 

Um 22 Uhr packte ich das Fahrrad zusammen und fuhr mit dem Zug zurück in die Schweiz.

 

 

Bilanz

 

-Eine ganz tolle Reise mit vielen Eindrücken, die sich gelohnt hat!

 

-Allerdings noch viel Arbeit vor der Weltreise:

1. Material optimieren (neuer Schlafsack? Schuhe zu kalt, Waschmöglichkeit verbessern, Kochen testen, Benzin testen)

2. Reparatur-Skills anwerben! Kurse bei Veloplus buchen.

3.Dokumentation über die einzelnen Länder

4. Visen abklären